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Trendscout im Pott

Als einzige Industrie- und Handelskammer Deutschlands leistet sich die IHK Mittleres Ruhrgebiet einen Trendscout. Wir haben Christiane Auffermann einen Tag bei der Arbeit begleitet.

Als angereister Beobachter nimmt man angenehm irritiert Platz. Da ist zum einen der Veranstaltungsort. Der Coworking Space „Grauzone“ — ausgerüstet mit Tischfußball, Brause-Kühlschrank und rosa Flamingo — würde in Berlin oder London niemanden überraschen. Die Grauzone befindet sich aber in einem ehemaligen REWE-Logistikzentrum in Hattingen, südlich von Bochum. Keine 60.000 Menschen leben hier.

Zum anderen ist da der Gastgeber. Die IHK Mittleres Ruhrgebiet hat eingeladen. „Trend Speed Dating — Modern Workstyle“ steht auf der Folie, die Christiane Auffermann und ihre Kollegen an die Wand geworfen haben. Auffermann ist seit Anfang 2019 als Trendscout für die IHK Mittleres Ruhrgebiet tätig. Damit ist sie die Einzige ihrer Art in Deutschland.

Industrie- und Handelskammer klingt nach Männern in Anzügen, nicht nach Tischfußball und Trendscouting. Aber die IHK Mittleres Ruhrgebiet hat sich in den vergangenen zwei Jahren einen Ruf erarbeitet, die Dinge anders zu machen. „Wir werden als Fehler im System wahrgenommen“, sagt ein IHK-Kollege Auffermanns, bevor es losgeht. Und das liegt nicht nur an der Wahl der Location, wie sich später zeigen wird.

Die Teilnehmer werden in Gruppen aufgeteilt. Dann startet Auffermann die Uhr. „20 Minuten bis zum Gong.“ 18 Jahre arbeitete sie — „ein Kind des Ruhrgebiets“ — am Fraunhofer Institut in Dortmund, war dort für Handelslogistik, Trendstudien und Technologie-Scouting zuständig. Dann wollte sie etwas Neues machen. „Das hier hat mich sehr gereizt, auch weil ich bei der IHK keine Stellenbeschreibung habe.“

An den Tischen in der Grauzone sitzen Unternehmer und Wirtschaftsförderer, Raumplaner und Recruiter, Innovationsberater und Ausbilder. Auf den Tischen liegen Trends, ausgedruckt in DIN A4. Real existierende Beispiele aus den Bereichen moderne Arbeitsräume, Arbeitszeit- und Gehaltsmodelle und Arbeitsorganisation: Ein Versandhändler hat seine Zentrale umgebaut, Einzelbüros und Präsenzzeiten sind passé. Ein Versicherer hat eine eigene IT-Abteilung aufgebaut und lässt sogenannte „Hackatons“ veranstalten. Eine Bank hat auf agiles Management umgestellt und einen Acceleration Hub eingerichtet.

„Acceleration Hub, Solution Labs, agiles Mindset — klingt nach Bullshit-Bingo“, sagt eine Dame im Blazer. Die Gruppe lacht. Danach wird weiter diskutiert. Die Teilnehmer sollen die Beispiele als Gruppe bewerten: Hat die Maßnahme das Potenzial, Effizienz zu steigern oder Mitarbeiter zu motivieren? Und wäre sie im eigenen Unternehmen umsetzbar? Christiane Auffermann moderiert sanft — immer dann, wenn das Gespräch abzudriften droht, wenn es einmal zu oft heißt „Ich hätte noch ein Beispiel. Wir haben bei uns jetzt …“. Man spürt: Die Teilnehmer haben Redebedarf. Gleichgesinnte aus der Region sitzen selten so ungezwungen zum Austausch zusammen.

Dann ertönt der Gong. Nächste Runde. Die Teilnehmer tragen ihre Bewertungen mit kleinen Aufklebern in einer Matrix ein und ziehen zum nächsten Tisch um. Dort wartet ein neues Beispiel aus der Zukunft der Arbeit. Speed-Dating eben. Der Projektor wirft nun das Bild eines Sonnenbrillenträgers und den Satz „Deal with it“ an die Wand.

Trendscouting, auf der Höhe der Zeit bleiben — viele Unternehmen hätten das „auf dem Zettel“, so Auffermann. „Aber bei ganz vielen Firmen fällt das hinten runter.“ Im Bezirk der Kammer gibt es auch viele Mittel- und Kleinstbetriebe. „Und wenn man, auf gut Deutsch, selber den ganzen Tag an der Theke steht, hat man sehr wenig Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.“

Digitalisierung, Fachkräftemangel, sterbende Innenstädte — viele der dringenden Themen unserer Zeit seien zu groß, als dass sie jedes kleine Unternehmen für sich lösen könnte. „Wir glauben, dass es notwendig ist, die Entwicklungen bei solchen Veranstaltungen im Diskurs, im Netzwerk gemeinsam zu bewerten und zu gucken, was man gemeinsam schaffen kann.“

Nach zwei Stunden haben alle Gruppen in der Grauzone alle Zukunftstrends bewertet. „Endspurt“, sagt Auffermann und schnappt sich die Blätter mit den Bewertungen. Für den von ihr betreuten Tisch fällt das Fazit klar aus: Die vorgestellten Maßnahmen haben großes Potenzial, sind aber schwer umsetzbar. Feedback der Teilnehmer: „Noch schöner wären Beispiele aus der Region. Dann könnten wir die Leute auch fragen, wie sie sie realisiert haben.“

Christiane Auffermann und ihre Kollegen packen zusammen. Es geht zurück nach Bochum, zum Sitz der IHK. Der Weg führt vorbei am berühmten Schauspielhaus und am sogenannten „Bermuda3eck“. Jeden Juli findet hier in der Bochumer Innenstadt eines der größten „Umsonst-und-draußen“-Festivals Europas statt.

Festivalstimmung herrscht keine im IHK-Gebäude, doch es hat sich eine gewisse zeitgemäße Entspanntheit in den Räumen am Ostring breitgemacht. „So durfte man hier früher nicht rumlaufen.“ Auffermann zupft an ihrem rosafarbenen Oberteil, zeigt auf ihre Stoffhose und Turnschuhe. Die Neuerfindung der IHK Mittleres Ruhgebiet begann mit der Abschaffung der alten Kleiderordnung. Anzug oder Kostüm muss hier heute niemand mehr tragen.

Trendscout Auffermann führt durch die Korridore. An den Wänden hängen noch einige Fotos ergrauter Anzugträger. Aber schon der Sitzungssaal zeigt wieder, warum die IHK Mittleres Ruhrgebiet von vielen der mehr als 70 Kammern in Deutschland mit einer Mischung aus Neugier und Argwohn beobachtet wird. „Das ist jetzt der Raum der Veränderung.“ Statt großer, schwerer Holztische stehen hier nun 65 schwarze Stühle im Kreis. In der Mitte ein rundes Organigramm der Kammer. Einmal die Woche treffen sich hier alle Mitarbeiter der IHK zur Besprechung.

Vor dem Saal steht die „Wunderbox“, eine große, rote Box mit Krone. „Das ist unser Vorschlagsmanagement“, sagt Auffermann. „Darin sammeln wir Vorschläge der Mitarbeiter. Wenn wir mal ein Wunder brauchen, ziehen wir da einen Zettel raus.“ Sie tritt in ihr Büro. Eine Schrankwand ist komplett mit bunten Klebezetteln behängt. In einer Ecke steht ein Schild: „I LOVE TRENDS“. Selbst die Gläser, in denen Auffermann das Wasser reicht, stehen kunstvoll schief designt auf dem Tisch.

Aber ein schiefes Glas und bunte Zettel machen noch keinen Trendscout. Woher bekommt Christiane Auffermann ihre Informationen? „Ich reise nicht mit meinem Köfferchen durch die Welt“, sagt sie. Auffermann muss nicht zu den Trends — die Trends kommen zu Auffermann. Sie schaltet ihr iPad an. „Wir nutzen ein Trendmanagement-Tool.“

Die Software „Trendmanager“ der Firma Trendone aus Hamburg listet mehr als 40.000 verschiedene Trends und Innovationen. Auffermann und ihre Kollegen können die Datenbank unter anderem nach Regionen und Branchen durchsuchen. Die Kategorien reichen von „künstliche Intelligenz“ über „Industrie 4.0“ bis hin zu „Transhumanismus“. „Das erspart uns viel Recherchearbeit.“ Insgesamt hat die IHK 150 Lizenzen für die Software. „Die vergeben wir an Unternehmen, die mehr Zeit investieren und die sich gemeinsam mit uns etwas erarbeiten wollen.“

Noch wissen nicht alle 28.000 Mitglieder der Kammer, dass ihre IHK für sie in die Zukunft schaut. Dass Auffermann schon heute versucht, die Unternehmen in der Region auf morgen vorzubereiten. Aber die ersten Firmen klopfen bei der Trendexpertin an und fragen: Können sie uns das noch einmal näher erklären? „Das Interesse steigt. Man will da ins Detail gehen.“

Und auch Kollegen, die nicht im Kammerbezirk tätig sind, fragen mittlerweile an und wollen mitziehen, nacheifern. „Ich bin da total offen“, so Trendscout Christiane Auffermann. „Man kann das besser machen, wenn man es gemeinsam macht.“

Text: Marten Hahn
Fotos: Marten Hahn


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