GESCHAFFT!
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Tradition – unser seelischer Kompass als Überlebensstrategie?

Rituale und Bräuche begleiten uns wie leise Konstanten durch das Leben. Sie geben Struktur, schaffen Gemeinschaft und verbinden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ob das gemeinsame Weihnachtsessen, das Anzünden einer Kerze oder das Wiederholen vertrauter Worte – solche Momente schenken uns Geborgenheit. Wenn das Leben ins Wanken gerät, werden sie zu einem Anker, der Halt und Zuversicht gibt. Traditionen lassen uns spüren: Wir gehören dazu.

Die psychologische Kraft der Tradition

Was aber steckt hinter dieser Kraft? Warum greifen wir gerade in herausfordernden Zeiten auf das Vertraute zurück? Die Psychologie liefert darauf eine spannende Antwort, denn psychologische Studien zeigen, dass Menschen gerade in Krisenzeiten besonders häufig auf Traditionen zurückgreifen. Eine häufig zitierte und inhaltlich passende Studie ist die Laborstudie von Cristine H. Legare et al. (2015), die das menschliche Verhalten unter Stress untersucht hat.

Traditionen wirken wie eine psychologische Überlebensstrategie und erfüllen zudem wichtige psychologische Funktionen, wie die Schaffung von Identität und Kontinuität, die Vermittlung von Sicherheit und Trost sowie die Stärkung sozialer Bindungen. Sie helfen, das psychische Wohlbefinden zu fördern. Dabei wirken sie auf verschiedenen Ebenen: der individuellen, der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene. 

Tradition kann aber auch als eine Form von Strategie verstanden werden, als eine Art, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. In der Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang von sogenannten Coping Strategien. Damit sind Wege gemeint, die Menschen nutzen, um Stress, Unsicherheit oder Belastung zu bewältigen. 

Coping: Wie Menschen Belastung bewältigen

Coping (deutsch: Bewältigungsverhalten) beschreibt, wie Menschen mit belastenden oder stressigen Situationen umgehen. Es umfasst gedankliche, emotionale und verhaltensbezogene Strategien, um Anforderungen zu bewältigen, Konflikte zu lösen und das Wohlbefinden wiederherzustellen. 

Der Begriff stammt ursprünglich aus der Stressforschung von Richard S. Lazarus, er unterscheidet zwei Hauptformen des Coping: 

  • Problemorientiertes Coping
    Dabei wird die Belastung angegangen, indem die Probleme aktiv gelöst werden
    oder Hilfe gesucht wird.
  • Emotionsorientiertes Coping
    Hierbei steht der Umgang mit den eigenen Gefühlen im Vordergrund, und
    Stress wird durch Beruhigung oder Ablenkung »bewältigt«.

Coping kann bewusst oder unbewusst erfolgen. Wenn jemand gezieltüber seinen Stress redet und aktiv nach Lösungen sucht, sprichtman vom bewussten Coping, während eine andere Person, die sich unbewusst beispielsweise ablenkt, emotionsorientiert Stress bewältigt.1

Beliebte Strategien zur Stressbewältigung

Eine repräsentative Stressstudie der Techniker Krankenkasse »Entspann dich, Deutschland« zeigt: Die beliebtesten Strategien, um Stress auszugleichen sind:
Hobbys (80 %), Spazierengehen oder Gartenarbeit (77 %), gemütlich faulenzen (71 %), Musizieren oder Musik hören (69 %), Treffen im Freundeskreis und mit der Familie (68 %).2

Genau in diesen Handlungen steckt ein traditionsähnliches Muster: Wiederholung, Bedeutung, Verlässlichkeit.

Coping-Strategien im Arbeitskontext

Im Arbeitskontext sind Coping-Strategien entscheidend, um mit stressigen Situationen und Belastungen umzugehen. Besonders wirksam sind dabei problemorientierte Strategien, soziale Unterstützung und Entspannungsübungen.

STRESS ADÉ: Entspannungstipps für den Arbeitsalltag

  • Kurze Bewegungspause: Lockerungsübungen für Schultern, Nacken und Hände direkt am Arbeitsplatz.
  • Bewusst atmen: ein bis zwei tiefe Atemzüge zwischen Aufgaben, um Ruhe zu gewinnen.
  • Minispaziergang: kurzer Gang in die Pausenzone oder ins Freie.
  • Kurzes Lächeln: ein kleiner Spaß mit Kolleginnen und Kollegen oder ein kurzer Witz heben die Stimmung
  • Stressball oder Knetball: zur kurzfristigen Entspannung.
  • Blick ins Grüne: kurzer Blick auf Pflanzen oder nach draußen in die Natur.

Zum Mitnehmen: Ein Selbstexperiment

Tradition ist nichts Abstraktes, sondern Teil unseres Alltags und das oft, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Wer neugierig ist, kann das eigene Verhalten einmal bewusst beobachten: Welche kleinen Rituale strukturieren Ihren Tag? Was gibt Ihnen in stressigen Momenten Halt? Ein bestimmter Ablauf, eine Gewohnheit, ein vertrauter Ort? Versuchen Sie sich in der nächsten herausfordernden Woche oder in Stresssituationen gezielt auf eines dieser Rituale zu besinnen oder ein neues Miniritual zu schaffen. Das könnte eine morgendliche Kaffeepause ohne Bildschirm oder ein gemeinsamer Wochenabschluss im Team sein. Beobachten Sie, wie sich Ihr Stressniveau
und das Gefühl von Stabilität verändern und wie daraus Stärke wächst.

Dann wird Tradition zur Ressource: Sie schenkt Wurzeln, wenn alles andere in Bewegung ist.

Referenzen

1 Dorsch – Lexikon der Psychologie, Coping. dorsch.hogrefe.com
2 Die Techniker Krankenkasse. • tk.de

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