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Literatur als Glaskugel

Sind Science-Fiction-Autoren Visionäre, die die Zukunft voraussagen? Oder ist Science-Fiction pure Spinnerei? Wir suchen nach Antworten und stellen vier Scifi-Romane vor, die uns mehr über die Zukunft verraten, als uns lieb ist.

Wer heute in die Zukunft schaut, tut das meist mit einem gewissen Unbehagen. Bedrohliches lauert da hinter dem zeitlichen Horizont. Was genau, lässt sich nur erahnen. Mörderische Roboter? Steigende Meeresspiegel? Ein kaputtes Rentensystem? Es wäre schön, wenn es einen Seismografen gäbe, der uns verraten würde, was da auf uns zukommt.

Bevor Sie diesen Artikel vor schlechter Laune zuklappen, eine gute Nachricht: Es gibt diesen Seismografen. Er heißt Science-Fiction. Das Genre tut seit Jahrhunderten nichts anderes als vorauszufühlen. Scifi ist eine Laborküche, in der Zutaten des Heute und Morgen vermischt werden, um zu schauen, ob es knallt. Ob sich der Aggregatzustand unserer Werte verändert. Ob das, was wir heute für richtig halten, morgen auch noch richtig ist.

Die Zutaten aus dem Hier und Jetzt sind wichtig. Sie sind es, auf die wir Science-Fiction-Leser uns immer wieder berufen, wenn uns billiger Eskapismus vorgeworfen wird. Wenn es mal wieder heißt, Science-Fiction sei realitätsfern. Kluge Scifi-Fans wie der Lektor Sascha Mamczak zitieren dann den britischen Schriftsteller J. G. Ballard: Die Zukunft ist ein besserer Schlüssel zur Gegenwart als die Vergangenheit. Heißt: Science-Fiction schaut nicht nur in die Glaskugel, sie hält uns auch den Spiegel vor.

Sascha Mamczak beschäftigt sich mit der Zukunft wie sonst kaum jemand in der deutschen Verlagslandschaft. Er hat selbst Bücher geschrieben wie Die Zukunft. Eine Einführung und Die Kunst der Science-Fiction und glaubt, wir seien besessen von der Zukunft. Wir hätten eine Zeit erreicht, „in der die Menschen ihre jeweilige Gegenwart prinzipiell nicht mehr ohne eine imaginierte Zukunft denken können“, schreibt der Scifi-Experte auf www.diezukunft.de in seiner Kolumne für den Heyne Verlag. Die Zukunft sei allgegenwärtig und zur Gottheit aufgestiegen, in die man investieren, der man Opfer bringen müsse.

Es dürfte auch unserer zunehmenden Zukunftsbesessenheit zu verdanken sein, dass Science-Fiction es in den Mainstream geschafft hat. Das Genre ist längst keine Nische für Nerds mehr. Scifi-Blockbuster spielen in Kinos weltweit Millionen ein. Und US-Präsident Barack Obama erklärte Die Drei Sonnen von Chinas erfolgreichstem Scifi-Autor Liu Cixin zu einem seiner Lieblingsbücher.

Wer immer noch glaubt, Science-Fiction sei etwas für Träumer, sollte noch einmal auf den ersten Teil des Genre-Namens schauen. Wissenschaft und Scifi-Literatur befruchten sich seit Jahrzehnten gegenseitig. Wer damals über die Kommunikatoren in Star Trek lachte, greift heute ganz selbstverständlich zum Smartphone.

Immer wieder haben sich Wissenschaftler als Scifi-Fans geoutet und davon berichtet, wie die Literatur sie inspirierte. Im Jahr 2015 drehte der Konzern Microsoft dann den Spieß um: Das Unternehmen ermöglichte neun preisgekrönten Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren sowie einem Comic-Zeichner den Zutritt zu seinen Forschungslaboren. Das Ergebnis war Future Visions, ein E-Book mit originellen Kurzgeschichten. Die Autoren beschäftigen sich darin unter anderem mit Virtual Reality, künstlicher Intelligenz, Spracherkennung, Big Data sowie Quantencomputern und zeigen: Technologie ist weder gut noch schlecht. Sie ist das, was Menschen daraus machen. Warum Microsoft dafür Geld in die Hand genommen hat? Weil Science-Fiction Verständnis schaffen und Brücken bauen kann.

Wieder andere Autoren greifen auf Klimadaten zurück und schreiben sogenannte „Clifi“, Climate-Fiction. Sie beleuchten die wahrscheinlich tödlichste Bedrohung, die die Zukunft birgt. In apokalyptischen Szenarien machen sie die Klimakatastrophe erfahrbar.

Sollten unsere Enkel irgendwann über diese Science-Fiction-Romane stolpern, werden sie uns im Altersheim besuchen und fragen: „Warum habt ihr nichts getan? Ihr habt die Zukunft doch kommen sehen?“

Text: Marten Hahn
Grafik: LauferNeo
Cover: Heyne, Kiepenheuer & Witsch, Diogenes, Heyne (v. o. n. u.)

 
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