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Der Blinde Fleck: Vergessene Nachrichten

Die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) veröffentlicht einmal im Jahr ihre Top Ten der vergessenen Nachrichten. KNOW!S sprach mit Prof. Dr. Hektor Haarkötter über die Arbeit der Initiative, Rechercheverbünde, Constructive News und Díversivität in der Redaktionsstube.

Das Foto zeigt Prof. Dr. Hektor Haarkötter, den Geschäftsführer des Vereins Initiative Nachrichtenaufklärung.
 

KNOW!S: Wie entstand die Idee zur Initiative Nachrichtenaufklärung (INA)?

Prof. Dr. Hektor Haarkötter: Die Idee ist vor knapp 20 Jahren an der Universität Siegen geboren worden. Die INA war schon immer ein universitäres Projekt. Der damalige Gründer, Soziologie-Professor Peter Ludes, war durch das „Project Censored“ – eine Initiative in den USA aus den 70er- Jahren – inspiriert, die den gleichen Ansatz verfolgt wie heute die INA in Deutschland: Den Medienbetrieb zu scannen und nachzuschauen, welche gesellschaftlich relevanten Themen unter den Tisch fallen, obwohl sie einen Großteil der Bevölkerung dringend angehen würden oder sollten.
Die INA hat mehrere Ansprüche: Da gibt es den gesellschaftlichen Anspruch – die Gesellschaft muss bestimmte Dinge wissen, erfährt sie aber nicht. Zweitens, den medien-ethischen Anspruch: Es gibt bestimmte Informationen, die Bürger wissen sollten. Also die normative Ebene. Und drittens der medien- oder journalismuskritische Aspekt, dass offenbar die Auswahl-Mechanismen, nach denen in den Redaktionen gesiebt und gefiltert wird, nicht zuverlässig nach Relevanzkriterien funktionieren. Journalisten haben offenbar Probleme, Meldungen zu publizieren oder zu senden, obwohl sie wichtig für das Leben der eigenen Leser oder Zuschauer wären.

Ein Beispiel aus den aktuellen Top Ten der INA 2016: Kopierer tauschen Zahlen

Der deutsche Informatiker David Kriesel entdeckte 2013, dass Xerox-Scankopierer bestimmter Baureihen beim Scannen von Dokumenten Zahlen vertauschen. Xerox hat den Fehler später eingeräumt und stellt inzwischen ein Update bereit, um ihn zu beheben. Der Weltmarktführer hat seine Kunden jedoch nicht direkt kontaktiert, sodass heute niemand wissen kann, wie viele Geräte immer noch fehlerhaft arbeiten – und wie viele falsche Dokumente noch in Archiven liegen. In amerikanischen Medien wurde relativ breit über den Xerox-Bug berichtet, in deutschen dagegen nur wenig. Angesichts des Trends zur Digitalisierung von Datenbeständen aller Art stellen sich hier Fragen, die über den konkreten Fall hinausgehen.

Hinweis der Redaktion: Die Beschreibung ist die Original-Jury-Begründung.

 

Wie funktioniert die INA?

Es kooperieren in wechselnden Zusammensetzungen fünf bis sieben Hochschulen in Deutschland. Beteiligt sind die Universität Siegen, TU Dortmund, Universität Bremen, Hochschule für Angewandte Wissenschaft Hamburg, auch München, Stuttgart, Darmstadt, Bonn waren schon dabei. Federführend ist seit zwei Jahren die Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.

Jeder kann Themenvorschläge auf allen Kanälen einreichen. Themen, die einerseits wichtig, also gesellschaftlich relevant sind, andererseits aber in den Medien zu wenig oder gar nicht vorkommen. Auf diese Weise erreichen uns jedes Jahr 300 bis 400 Themenvorschläge. Die geben wir an Rechercheseminare, also studentische Seminare an den Hochschulen. Dort führen kleinere Teams von Studentinnen und Studenten eine zweistufige Recherche durch. Der erste Teil der Recherche ist die Prüfung auf Plausibilität: Stimmt der Sachverhalt und ist das überhaupt eine Geschichte? Und wenn ja, ist es eine relevante Geschichte?

Der zweite Schritt ist eine Medienanalyse: Ist das Thema in den Medien vernachlässigt? Dafür haben wir eine Definition entwickelt: Die Nachricht muss wenigstens die Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft über irgendeinen der großen Kanäle erreichen können. Einer der Punkte, über die wir bei unseren Jurysitzungen immer wieder intensiv diskutieren.

Wie geht es dann weiter?

In den Rechercheseminaren werden Jury-Berichte und ausführliche Rechercheprotokolle erstellt – sofern die Recherche nicht ergibt, dass die Story hinfällig ist. Von den rund 300 Themenvorschlägen, die wir bekommen, sortieren wir regelmäßig ungefähr 200 direkt wieder aus, weil diese Anregungen von Psychopathen, Querulanten oder total durchgedrehten Leuten stammen. Die kennt jeder aus den Kommentarbereichen im Internet. Von den 100 verbleibenden Vorschlägen erfüllen rund 30 bis 50 unsere Kriterien.

Je nach Komplexität des Themas, Schwierigkeit der Recherche oder auch Fleiß der Studenten werden ausführliche, rund dreiseitige Berichte angefertigt. Anfang Februar trifft sich eine Jury in wechselnder Zusammensetzung von bis zu 30 Experten, darunter Wissenschaftler, Journalisten, die Seminarleiter aus den Rechercheseminaren und der Vorstand der INA, die die Top Ten der vernachlässigten Nachrichten des Jahres festlegen. Ein sehr illustrer und diskutierfreudiger Kreis.

Es gibt eine Kooperation mit dem „Deutschlandfunk2 und anderen Medien?

Wir haben vor zwei Jahren die INA nach Köln geholt. Das Projekt und seine gesellschaftliche Wirkung waren in eine Art Dornröschenschlaf verfallen und es stellte sich die Frage, ob dieses 1990er-Jahre-Projekt 2014 noch Sinn mache? Wir kamen sehr einhellig zu dem Ergebnis: Heute in Zeiten des Information-Overload und der ganzen Junk-News, mit denen uns das Internet überschwemmt, müssen wir mehr denn je in und mit der Gesellschaft darüber diskutieren, was eigentlich wichtige Nachrichten sind und welche dieser Nachrichten wirklich auch die richtigen Menschen erreichen?
Also haben wir die INA organisatorisch und inhaltlich neu aufgestellt. Wir brauchten aber auch einen Medienpartner, denn wir haben festgestellt, dass unsere Geschichten nicht mit offenen Armen von Journalisten aufgegriffen und dann im Politikteil, in der „Tagesschau“ oder sonstwo gesendet werden, sondern wir landen auf der Panorama- oder bestenfalls auf der Medienseite als Kuriosum des Jahres – „Guck mal, haha, es gibt Themen, die wir vergessen haben, ist das nicht drollig“. Und das war es.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Wir haben beschlossen, dass wir die Berichterstattung viel stärker selber in die Hand nehmen müssen und potente Medienpartner brauchen, die für uns als Multiplikatoren dienen. Wir trafen beim Deutschlandfunk auf offene Ohren, der sich als öffentlich-rechtliche Anstalt im gesetzlichen Auftrag in besonderer Weise verpflichtet fühlt, über Dinge zu berichten, die die anderen eben nicht bringen.

Und wir sind eine Kooperation mit dem Fachmagazin „Der Journalist“, also dem Mitgliedermagazin des Deutschen Journalisten Verbandes, eingegangen. Dort veröffentlichen wir jetzt seit Mitte letzten Jahres immer das vergessene Thema des Monats. Damit sorgen wir für die nötige Kontinuität und sind nicht nur eine Eintagesfliege in den Nachrichten. Zudem hoffen wir, dass die Kollegen bei den durchrecherchierten Themen zugreifen.

Jeder kann die Berichte und Protokolle von uns haben und weiterverarbeiten. Wir freuen uns natürlich, wenn auf die INA und die Vorarbeit, die wir geleistet haben, und unser Anliegen hingewiesen wird, aber selbst dazu verpflichten wir niemanden. Man kann also exklusive Geschichten von uns bekommen. Und wir stellen eben fest, dass – wir machen das jetzt seit zwei Jahren – das langsam Früchte trägt und unsere Bekanntheit steigt.

Es gibt immer mehr Magazine, Online-Medien usw. Wie kommt es, dass Nachrichten überhaupt noch vergessen werden?

Gerade im digitalen Zeitalter werden rund um die Uhr und im Sekundentakt Nachrichten in die Welt gepustet. Nach gesundem Menschenverstand dürfte es gar nicht passieren, dass dabei irgendetwas unentdeckt bleibt. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Es sind immer dieselben Nachrichten. Wer ein beliebiges Suchwort zu einem gerade politisch oder gesellschaftlich interessanten Thema in einen Newsaggregator eingibt, bekommt zu jedem dieser Themen Hunderte und Tausende von verschiedenen Artikeln, die aber alle das gleiche aussagen. Alle berichten über die selben Geschichten. Wir kennen das aus der Nachrichtenforschung, aus der Nachrichtenwert-Theorie. Dort ist Kontinuität ein eigener Nachrichtenfaktor. Kontinuität heißt ja entgegen dem Wortsinn nicht, dass Journalisten am Ball bleiben.

Diese Art von Nachhaltigkeit gibt es im Journalismus nicht. Sondern Kontinuität heißt, so der Erfinder dieser Nachrichtenwert-Theorie: Man berichtet über das, worüber alle berichten. Also, wenn etwas in der „Tagesschau“ kommt, dann ist es relevant und dann müssen alle darüber berichten. Wenn etwas auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung steht, dann gilt das gleiche Prinzip. Aber wehe, es taucht hier oder dort nicht auf, dann wird es schon wahnsinnig schwer für ein Thema, überhaupt gesellschaftlich Gehör zu finden.

Wie kommt es, dass bestimmte Typen von Nachrichten immer wieder systematisch unter den Tisch fallen?

Das haben wir untersucht und es gibt verschiedene Diplomarbeiten, die sich mit den INA-Themenkatalogen beschäftigten und dort auch Muster entdeckt haben. Ein Thema hat es immer schwer, wenn es komplex ist. Wenn es keine einfache, personalisierbare Story ist. Das betrifft viele wissenschaftliche Themen. Das betrifft aber auch politische Themen, wenn sie einen etwas höheren Komplexitätsgrad haben. Personalstreit in der Bundesregierung findet ständig in den Medien statt. Aber schon bei Haushaltsstreitigkeiten da wird es eng. Haushaltsstreitigkeiten, das hat mit Finanzen, mit Steuern zu tun – wir machen ja alle schon unsere Steuererklärung nicht gerne – darüber lesen wir auch nicht so gerne Geschichten.

Man darf ja nicht verkennen, dass Journalismus nicht nur eine Informationsfunktion hat, sondern für ganz viele Menschen zuallererst ein Unterhaltungsmedium darstellt. Die Menschen kommen nach der Arbeit nach Hause, machen sich Abendessen und schalten dann „Heute“ oder die „Tagesschau“ an. Die wollen entspannen und keine komplizierten Geschichten hören, deswegen ist die Boulevardpresse erfolgreicher als die mehr oder minder seriöse Qualitätspresse, weil hier die Unterhaltungsfunktion sehr weit im Vordergrund steht.

Dann – auch darüber wird im Journalismus seit vielen Jahren heftig diskutiert – haben es Geschichten, die rechercheintensiv sind, schwer, weil Nachforschungen Kräfte binden und das heißt, sie kosten viel Geld. Und das können sich nur noch die wenigsten oder wollen sich nur noch die wenigsten Verlags- und Medienhäuser leisten. Ich nenne mal ein Beispiel: Heute hören und lesen wir immer „Der Recherchepool aus ‚Süddeutscher Zeitung‘, ‚NDR‘ und ‚WDR‘ hat herausgefunden …“. In Wahrheit ist ein Recherchepool doch ein Armutszeugnis. Es besagt nämlich nichts anderes als: „Alleine können wir es nicht mehr.“

Es gibt ja die Annahme, dass Journalismus nur schlechte Nachrichten verbreitet. Jetzt gibt es die Idee, nur noch gute Nachrichten zu senden. Wie steht die INA zu diesen neuen Ansätzen?

Gute Frage. „Constructive News“ ist das Stichwort – man soll doch bitte mehr positive Nachrichten bringen. Dazu zweierlei: Uns liegen Ergebnisse aus der Nachrichten-wert-Theorie und anderen Forschungen zur Nachrichtenselektion vor, die genau das erhoben haben. Dort wird festgestellt, dass sich diese These – dass Nachrichten so wahnsinnig negativ seien – empirisch gar nicht stützen lässt. Wenn man sich etwa eine typische „Tagesschau“-Sendung am Wochenende anschaut: Klassischerweise gibt es zwei Berichte aus dem Sport. Die sind schon einmal nicht negativ, sondern die sind positiv und hochgradig unterhaltsam. Der Wetterbericht ist so negativ wie das Wetter selbst. Jetzt haben wir Frühsommer, da ist der Wetterbericht doch eine recht positive Angelegenheit. In der Regel wird ein Kulturthema gesendet und wir haben auch in der „Tagesschau“ ein buntes Thema aus der Welt der Reichen, Schönen, Hübschen, Künstler oder Promis.

Also wir haben schon weite Flächen einer klassischen 15-Minuten- „Tagesschau“-Sendung mit Nachrichten, die – ich weiß nicht, ob sie „constructive“ sind – aber die auf jeden Fall nicht negativ sind. Und dies gilt ebenso für politische Nachrichten. Man kann jetzt sagen, eine Steuererhöhung ist etwas Negatives, weil es Konsequenzen für den Füllstand meines eigenen Portemonnaies hat, aber vielleicht führt diese dazu, dass mehr Kindergärten gebaut werden oder irgendetwas anderes gesellschaftlich Positives erreicht wird. Also, man muss sich sehr differenziert angucken, was heißt denn negative Nachricht?

Muss guter Journalismus nicht Konflikte aufzeigen?

Ja, da sind wir beim Thema Storytelling. Was macht denn eine Story, auch eine journalistische Story aus? Auch ein Journalist, der nachrichtlich arbeitet, erzählt ja eine Geschichte. Eine Geschichte in ihrer allereinfachsten Definition erzählt von einem Konflikt zwischen zwei Personen oder Inst-itutionen in ihrem zeitlichen Verlauf. Wenn du nichts Konflikthaftes hast, was manche Menschen schon als negativ empfinden, dann hast du auch nichts zu erzählen. Was soll denn eine positive Nachricht sein, wenn es nicht um irgendetwas Problematisierbares geht? Also Einlösung – Auflösung oder Problem – Durchführung – Lösung. Das ist eine Story, alles andere, gerade die positive Story, ist gar keine Story. Die sagt uns nämlich: es ist nichts passiert.

Auch darüber diskutieren wir in der Journalismus-Forschung. Wir nennen das dann konservative Aktualisierung. Und es gibt viele Wissenschaftler, die sagen: Der Grund, warum wir morgens beim Frühstück das Radio anmachen, ist gar nicht, dass wir wissen wollen, was gibt es Neues in der Welt, denn das könnte uns Probleme bringen. Sondern der eigentliche Grund, Nachrichten zu hören, ist, doch zu erfahren, es ist alles beim Alten.

Es ist nichts Schlimmes passiert, alle Atomkraftwerke funktionieren, es gab keinen Tsunami an der Nordsee und es ist kein Flugzeug abgestürzt. Also eine sehr starke Vergewisserung darüber, dass eigentlich alles bestens ist. Die News erzählen also aus Sicht der Medienkonsumenten gar keine Neuigkeiten, denn die könnten problematisch sein, sondern eigentlich alten Tobak. Das mag einer der wichtigsten Gründe sein, warum viele Geschichten unter den Tisch fallen, weil sie nicht alter, sondern neuer Tobak sind, und das interessiert viele Menschen vielleicht gar nicht.

Wie können denn Journalisten verhindern, dass sie Geschichten vergessen?

Auch kleine Verlage können Journalisten die Freiräume bieten, um selber Geschichten auszugraben. Die Firma Google ist durch eine arbeitspolitische Maßnahme berühmt geworden: 20 Prozent der Arbeitszeit  stellt der Konzern den Mitarbeitern zur freien Verfügung. Also ein Tag in der Woche, an dem der Mitarbeiter an einem eigenen Projekt arbeiten kann. Das wäre doch eine Idee für Redaktionen: Einen Tag die Woche frei, um neue Geschichten recherchieren zu können.

Ansonsten ist man abhängig davon, das nachzubeten, was alle anderen machen. Medien müssen sich dann fragen, warum gibt es uns überhaupt? Und man hat nie etwas Exklusives zu sagen. Gerade kleine Medien und Fachverlage müssen diese Gelegenheit beim Schopf packen, wendig, reaktionsschnell zu sein und Dinge anzustoßen, auf die die Großen in ihrer Behäbigkeit eben nicht kommen.

Ein anderer Punkt ist übrigens – auch darüber diskutieren wir in der INA – Diversity. Wenn man sich ansieht, wie Redaktionen zusammengesetzt sind, dann trifft man dort immer die gleichen Typen: Klassischer Mittelstand mit Hochschulausbildung und  alle von Geburt aus Deutsche. Du findest im Journalismus heute keine Leute mehr, die eine Ausbildung gemacht haben, die einen Beruf gelernt haben. Du hast wenige bis gar keine Leute mit diesem berühmt-berüchtigten Migrationshintergrund. Du hast eigentlich so eine „bio-deutsche“, durchschnittlich ausgebildete Basis an Leuten mit einem ähnlichen Standard an Allgemeinbildung. Da kann wenig Überraschendes passieren, weil die einfach viel zu sehr in die gleiche Richtung denken. Und wenn Verlage da ein bisschen mehr auf Personalauswahl achten würden, ein bisschen Diversity ins eigene Unternehmen, in die eigene Redaktion bringen würden, könnte man vielleicht sofort ein etwas spannenderes Bouquet von möglichen Themen finden.

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Foto: HMKW

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