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Alle unter einem Dach

Lange Zeit war der Campus etwas rein Hochschultypisches: unterschiedliche akademische Disziplinen in mehreren Gebäuden auf einem Gelände verteilt. Mittlerweile erfreuen sich Campus-Anlagen aber auch in der Wirtschaft großer Beliebtheit. Ob Großunternehmen wie Bosch oder Mittelständler im Schwarzwald: Immer öfter wird das Know-how an einem Standort gebündelt. Wir haben einen der größten interdisziplinären Technologieparks Deutschlands sowie einen noch gar nicht eröffneten, aber bereits äußerst umstrittenen Campus besucht.

Adlershof im Südosten Berlins war schon immer eine beliebte Kulisse. Zwischen den beiden Weltkriegen wurden die riesigen Hangars des zerbombten Flugplatzes zu großen Filmstudios umgenutzt. Stummfilm-Klassiker wie „Nosferatu“ (1922) wurden hier gedreht, aber auch Actionfilme wie „Hitman: Agent 47“ (2015). Dort, wo in der Computerspiel-Verfilmung der titelgebende Agent seinen Feind um die Ecke bringt, lehnt heute, im Frühjahr 2018, Bernd Ludwig lässig über der Brüstung. Das kleine, runde Treppenhaus ist der einzige von Tageslicht bestrahlte Ort inmitten der sonstigen „robust anmutenden Knastarchitektur“, wie der 59-Jährige es nennt, und in der Tat etwas fürs Auge. Gerade wuselt die Werbegruppe eines Sportartikelherstellers durch Ludwigs heilige Hallen – dem Zentrum für Photonik und Optik am WISTA, dem Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Berlin-Adlershof.

Wirtschaft, Wissenschaft und Medien

Adlershof

Der Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof (WISTA) wurde nach der Wende mithilfe öffentlicher Fördermittel im Südosten Berlins angelegt und vereint heute die ehemals getrennten Gelände des Fernsehens der DDR, der Akademie der Wissenschaften der DDR und des Wachregiments „Feliks Dzierzynski“. Auf dem insgesamt etwa 4,2 Quadratkilometer großen Gebiet westlich des S-Bahnhofs Adlershof (und somit auch westlich des eigentlichen Stadtteils) sind zurzeit 1.088 universitäre und wissenschaftliche Einrichtungen sowie Unternehmen zu Hause, die meisten mit technologischem Schwerpunkt.

Aber es funktionierte. Zumal die Infrastruktur für Technologie-Unternehmen perfekt passte: Denn einerseits waren die Büros und Labore auch dank entsprechender Forschung im Osten gut ausgerüstet. Andererseits sind die Mieten dank Fördermitteln reduziert: „Wir bieten Laborflächen für unter 10 Euro pro Quadratmeter an“, erzählt Bernd Ludwig grinsend. „Da müssen wir teilweise aufpassen, dass die Leute nicht Sofa und Fernseher aufstellen und quasi einziehen.“ Zudem zog auch die Humboldt-Universität mit ihren naturwissenschaftlichen Studiengängen kurz nach der Wende nach Adlershof.

Der Super-Campus

Adlershof ist ein Super-Campus: Hier treffen universitäre und nicht-universitäre Forschungsinstitute genauso aufeinander wie Unternehmensgründer und Medienschaffende. Entlang der Hauptstraße dieser Kleinstadt – der Rudower Chaussee – gibt es längst Supermärkte, Restaurants, Imbisse und Frisöre. Bis 2020 soll eine zweite Straßenbahnlinie den Ansturm auf den wachsenden Standort bewältigen.

Wer mit Strunk oder Ludwig spricht, hört oft das Wort „profilkonform“. Denn nicht alles passt hierher: Wer zum Beispiel einen neuen Online-Shop oder ein soziales Netzwerk entwickeln will, sei in Adlershof an der falschen Stelle, heißt es unisono. Dafür gebe es in Kürze aber einen neuen Anlaufpunkt in Berlin, eine der Start-up-Hauptstädte der Welt.

Von der Suchmaschine zum Nachbarn?

Doch im Gegensatz zum tief in der Berliner Geschichte verankerten Standort Adlershof wird der geplante Google-Campus äußerst skeptisch beäugt. Zunächst sollte der Campus schon Ende 2017, dann im Frühjahr 2018 eröffnet werden. Nach einigen Problemen mit dem Bauamt und Anwohnern, die eine zunehmende Gentrifizierung und vor allem weiter steigende Mieten befürchten, ist die Eröffnung nun für den Herbst 2018 vorgesehen.

Zuspruch und Skepsis

Zurzeit wird an der Ohlauer Straße, am Ufer des Berliner Landwehrkanals, umgebaut, weshalb eine Besichtigung des Google-Campus nicht möglich ist. Doch von außen ist bereits zu erkennen, dass sich schon einige Firmen in dem alten Backsteinhaus angesiedelt haben. Vom „Tetris-Projekt“ ist zu lesen. Aber auch viele drastische Parolen „Google-kritischen“ Inhalts finden sich hier. Um die Wogen zu glätten, lud das Unternehmen im August 2017 zu einem Tag der offenen Tür ein: „Sobald wir mit den Leuten reden und erklären, was wir vorhaben, finden das die allermeisten sehr positiv“, betont Bremer. Google verstehe die Ängste und Sorgen der Anwohner und wolle sich deshalb als guter Nachbar präsentieren: mit digitalen Weiterbildungskursen, der Unterstützung gemeinnütziger Organisationen und einem Auditorium mit Platz für 200 Menschen, beispielsweise für Nachbarschaftstreffen.

Google Campus

Der Suchmaschinenkonzern Google verzeichnet jährlich Milliardengewinne, startete Ende der 1990er Jahre aber tatsächlich als klassisches Start-up. Auch deshalb haben die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin die Sparte Google for Entrepreneurs ins Leben gerufen mit dem Ziel, die nächste Generation von Gründerinnen und Gründern überall auf der Welt durch eine Vielzahl von Programmen und Initiativen zu unterstützen. Dazu gehört auch Google Campus: Neben dem in Berlin entstehenden gibt es bereits Standorte in London, Madrid, Seoul, São Paulo, Tel Aviv und Warschau.

Berlin wird weltweit der siebte Campus-Standort des Unternehmens. Ein globales Netzwerk, zu dem bereits über 225.000 Menschen gehören, die sich untereinander austauschen können. Ziel der unternehmerischen Google-Sparte: mit seinen Standorten und Partnern die globale Gemeinschaft von Gründerinnen und Gründern zusammenzubringen.

Den Austausch fördern

Hätte es keinen besseren Standort gegeben als das innerstädtische Kreuzberg mit seinem knapper werdenden Wohnraum, den rapide steigenden Mietpreisen, der Verdrängung? Die Berliner haben ihre eigenen Vorschläge: So war auf einer Demonstration im Dezember 2017 das Plakat „Google raus nach Adlershof“ zu lesen.

Dort, anders als bei Google, beschränkt sich der Austausch der Menschen, die hier arbeiten, bislang größtenteils auf die etwa vier Quadratkilometer. Auch wenn sich die WISTA-Management GmbH als landeseigene Gesellschaft mittlerweile bereits um fünf sogenannte Zukunftszentren in Berlin kümmert: Neben Adlershof sind das Schöneweide, Dahlem, Charlottenburg und Tegel, also jeweils Orte, an denen sich Hochschulen angesiedelt haben oder ansiedeln werden.

Paradies für Gründer

Während Kirschnick durch die leer stehende Hälfte in der fünften Etage führt – ein Unternehmen ist gerade ausgezogen –, rechnet er vor: „Wir haben alle 22 Tage ein neues Unternehmen.“ Auch in die gerade verlassenen Räume sollen schon in der Folgewoche neue Gründer einziehen. Kirschnick hat vor wenigen Jahren mit seinem Bruder selbst gegründet: „Eine App“, erinnert er sich. „Wir wollten über eine Community Marktforschung betreiben. Aber wir waren mit unserer Idee wohl etwas unserer Zeit voraus.“ Facebook-Gründer Mark Zuckerberg persönlich habe später etwas Ähnliches vorgestellt. „Die Erfahrung hat mich prädestiniert für meinen jetzigen Job hier. Denn ich kenne den kompletten Lebenszyklus eines Unternehmens, von der Gründung bis zur Abwicklung“, lacht Kirschnick.

Ausprobieren, scheitern, Erfolg haben

Er sieht sein Gründerzentrum als Spielwiese, auf der die Gründer ihre Ideen ohne große Risiken ausprobieren können. So gibt es im ersten Jahr eine monatliche Kündigungsfrist. „Gründer müssen auch scheitern dürfen“, findet Kirschnick, der sich nicht an der Insolvenzquote des restlichen Standorts orientiert. Die liege bei gerade einmal zwei Prozent, sagen Ludwig und Strunk stolz.

Zwei Ecken weiter führt Kirschnick durch seine neuesten Räumlichkeiten. Unscheinbar im Tiefparterre eines weißen Eckneubaus erstreckt sich ein Großraumbüro mit 52 Arbeitsplätzen. Seit November 2017 können sich Selbstständige oder Gründer in dem Coworking-Space einmieten. Bereits die Hälfte der Plätze ist belegt. „Die Idee des ganzen Standorts ist im Grunde eine Kette“, erklärt Kirschnick, „von der Humboldt-Universität über das Gründer- in ein Technologiezentrum“. Und am Ende steht der Bau eigener Gebäude als erfolgreiches Unternehmen – in Adlershof.

Der dafür notwendige Baugrund wird langsam knapp. Draußen, auf einer Brachfläche vor dem S-Bahnhof Adlershof, an dem täglich eine bunte Mischung aus Studierenden, Gründern, Wissenschaftlern und vielen anderen eintrifft, standen lange ein paar mannshohe weiße Buchstaben: „Adlershof. Science at Work“ war dort mitten auf der Wiese zu lesen. Vor Kurzem sind sie von dieser Stelle verschwunden, nun wird auch diese Fläche bebaut. Der Campus wächst weiter.

Text: John Hennig
Fotos: Gerald von Foris

 
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