Abgeschafft (Kolumne)
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Abgeschafft! Kolumne: Können wir Lastenhefte endlich entsorgen?

Manchmal muss man etwas abschaffen, damit Platz für Neues entsteht. Altes, Überflüssiges, Störendes, Belastendes über Bord werfen, damit man leichter weitergehen kann. Das tun wir hier verbal.
 

ALEXANDER HORNEN über die Last mit dem Lastenheft.

»Wir haben da schon einmal etwas vorbereitet«, sagt Herr L. nicht ohne Stolz. Und ich ahne schon, was jetzt kommt, als er einen ordentlichen Stapel Papier auf unserem Besprechungstisch platziert. »Lastenheft neue Website« steht auf dem ausgedruckten WordDokument, Times New Roman, Großbuchstaben, darunter ein Wasserzeichen »Entwurf«. 

Projekte von Beginn an richtig planen

Wir treffen uns zum Auftakt eines geplanten Projektes. Heute soll es darum gehen, den ungefähren Rahmen des Projektes abzusprechen. Allerdings muss ich dann feststellen, dass dieser »ungefähre Rahmen« schon ausgewachsene 123 Seiten hat. Er ist voll von Anforderungen und frommen Wünschen aus allen Abteilungen des Kunden. Man wolle es diesmal eben von vornherein richtig angehen. Ja, ok. Aber was ist richtig? 

Online-Auftritte richtig optimieren

Zwei Fallen scheint es hier zu geben: Bei der ersten Falle wird eine sehr lange Liste vermeintlicher Defizite und Schwächen der bisherigen Lösung gesammelt und mit vielen Ideen zur zukünftigen Optimierung versehen. Und am besten soll der neue Online-Auftritt auch noch alle Schwächen der Kommunikation und Struktur der Organisation beheben. Klar. Da kommen dann eine Menge »wir könnten ja auch mal« Ideen zusammen. Völlige Überforderung.

Falsche Vorbilder entlarven

Die andere Falle nenne ich den »Amazon-Effekt«: Man sucht sich die ganz, ganz großen Vorbilder und orientiert sich an deren Standards und Möglichkeiten. Dabei steigen die Erwartungen an die zukünftige Website oder App ins Unermessliche. »Aber bei der Google-Suche funktioniert das auch!«, entgegnet Herr L. ganz entrüstet, als ich ihm schonend beibringen will, dass seine Idealvorstellung einer Stichwortsuche wahrscheinlich seinen Geldbeutel sprengen wird.

Entwicklungsprozesse effizient gestalten

Es macht mir ja auch keinen Spaß, Kunden zu enttäuschen. Aber manchmal ist es notwendig, zu enttäuschen: Ausführliche Ausschreibungen, Lastenhefte und Anforderungskataloge täuschen vor, man könnte einen Entwicklungsprozess vollständig im Voraus planen und linear durchziehen. Das ist Quatsch und hat noch nie funktioniert.

Gemeinsame Prozessplanung ohne Altlasten

Übrigens: Am Ende ist das bei Herrn L.’s Projekt doch noch gut gelaufen. Er ließ sich davon überzeugen, dass es für alle Beteiligten besser ist, wenn sein Lastenheft ganz umweltfreundlich recycelt wird, damit wir unbelastet in das Projekt starten. Stattdessen konnten wir durch einen Workshop schnell klären, worauf es auf seiner Website wirklich ankommen würde. Und ganz am Ende bekam Herr L. sogar viel mehr, als er sich erhofft hatte, obwohl wir seinen Papierstapel entsorgt hatten. Nein: gerade deshalb.

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