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Pflanzen statt Plastik

Biologisch abbaubare Verpackungen aus Bananenstämmen, Pilzkulturen oder Zuckerrohr — sowie kompostierbare Biofolien. Der Prozess, zunehmend ohne Plastik zu produzieren — die Verpackungsrevolution —, ist in vollem Gange. Und hat sogar die Medienbranche erreicht.

Vor dem diesjährigen Verpackungskongress im März in Berlin hat eine repräsentative Umfrage ergeben, dass fast 40 Prozent der Konsumenten die Entwicklung alternativer Verpackungsmaterialien vorantreiben wollen. Ein Anliegen, das allein in Deutschland bereits Dutzende Start-ups umsetzen: Sie stellen Polyethylen aus Zuckerrohr und nicht aus Erdöl her, verpacken flüssige Nahrung mit essbaren Algen, ersetzen Styropor mit Pilzkulturen oder verkaufen Lebensmittel in Unverpackt-Läden.

„Am Ende entscheiden die Menschen“

Das Hamburger Start-up Bio-Lutions versucht, eine von Papier und Plastik unabhängige Produktion von Verpackungen aufzubauen, für die vor allem Agrarreste verarbeitet werden sollen — und zwar „in einem Land aus dem Land für das Land“, führt Geschäftsführer und Gründer Eduardo Gordillo, ein gebürtiger Kolumbianer, seine „romantische Vorstellung“ aus: Seit Anfang des Jahres hat Bio-Lutions in Indien eine erste Fabrik. „Indien war eines der ersten Länder, in denen ein Plastikverbot erlassen wurde“, zumindest in einigen Bundesstaaten, zählt Gordillo den ersten von drei Gründen für die Wahl des Standortes in Bangalore auf, „zudem ist das Problem mit Plastik dort überall sichtbar.“ Und auch die Finanzen spielen eine Rolle, gibt der studierte Architekt und Industriedesigner zu. Einerseits würde es entsprechende Kredite geben, andererseits seien „Fehler am Anfang viel billiger als in Deutschland“.

Gordillo erzählt von einem Markt, „der nicht einfach ist“. Papier sei die logischste Alternative für Plastik — und der größte Konkurrent für Bio-Lutions. Doch die Nachfrage nach nachhaltigeren und weniger Ressourcen verbrauchenden Alternativen würde wachsen.

„Am Ende entscheiden die Menschen, ob sie ökologisch konsumieren wollen“, sagt Gordillo, der von einer gerade erfolgreichen Finanzierungsrunde für weitere Fabriken berichtet. Auch in der Umfrage vor dem Verpackungskongress sah sich fast jeder zweite Befragte bei der Verantwortung für den Plastikmüll selber als Teil der Konsumgesellschaft in der Pflicht, noch vor den Herstellern und Händlern.

„Produkt und Verpackung wachsen zusammen“

In Indien stellt Bio-Lutions zunächst erneuerbares Einweggeschirr her — aus selbstbindenden Fasern aus Bananenstämmen. Gordillo betont, dass dafür keine chemischen, sondern nur mechanische Prozesse stattfinden: „Wir extrahieren gar nichts, sondern reinigen und schreddern nur.“ Die Pflanzenteile werden dann mit einer Maschine zu besonders feinen Faserstückchen zermahlen. Auch für Tomatenstängel oder Zuckerrohrblätter wäre der Prozess denkbar. Später will Gordillo Verpackungen für Obst und Gemüse herstellen: „Produkt und Verpackung wachsen so zusammen.“

Für die Idee erhielt Bio-Lutions den Deutschen Verpackungspreis 2017 in der Kategorie Nachhaltigkeit. In der Verpackungsbranche ist das Thema längst bestimmend — auch die großen Verpackungsproduzenten haben erkannt, dass sie auf erneuerbare Ressourcen setzen müssen. Seit Anfang des Jahres ist zudem das schärfere Verpackungsgesetz in Kraft, mit dem die Hersteller noch stärker in der Pflicht sind, für die Entsorgung ihrer Verpackungen selbst aufzukommen.

Je besser Material wiederzuverwenden ist, desto günstiger wird es. Gerade an dem Punkt sind Innovationen gefordert: Denn bislang wurde nur etwas mehr als ein Drittel des Plastikmülls hierzulande wiederverwendet. Hunderttausende Tonnen werden ins Ausland verkauft, wobei auch in großen Abnehmerländern wie China längst ein Umdenken eingesetzt hat und deutlich weniger Müll exportiert werden kann.

know!s how

Verpackungsgesetz

Anfang des Jahres ist das neue Verpackungsgesetz (VerpackG) in Kraft getreten und hat die seit 1991 gültige Verpackungsverordnung abgelöst. Es soll durch verbessertes Recycling den Umweltschutz stärken und setzt dafür weiter auf das Prinzip der Produktverantwortung, das heißt, diejenigen, die Verpackungen auf den Markt bringen, sollen auch die Kosten für die spätere Entsorgung tragen. Bislang konnten dabei auch Verpackungen in den Recycling-Tonnen landen, die nicht bei den privatwirtschaftlichen dualen Systemen gemeldet und somit bezahlt waren.

Mit dem VerpackG sind Hersteller von Verpackungen verpflichtet, sich an den (Wiederverwertungs-)Systemen zu beteiligen, die als Abfall bei privaten Endverbrauchern oder in Hotels sowie Gaststätten anfallen — im Gegensatz zum großgewerblichen Bereich. Für die besser kontrollierbare und transparentere Einordnung gibt es die neu gegründete „Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister“, wo sich Hersteller mit ihren Marken registrieren. Bei Verstößen drohen ein unmittelbares Vertriebsverbot der Verpackungen und ein Bußgeld in Höhe von bis zu 200.000 Euro.

www.verpackungsregister.org

 

 

In Kartoffelstärke eingelegte Zeitung

Für Furore sorgte Anfang des Jahres der traditionsreiche Guardian, als die britische Tageszeitung ankündigte, ihre Wochenendausgaben (mit zahlreichen Beilagen) in kompostierbaren Hüllen aus Kartoffelstärke zu verpacken. Auch die aktuelle Ausgabe der know!sist in Abstimmung mit dem langjährigen Versandpartner Ahland Dienstleistungs GmbH (ADL) in einer Biofolie von maropack eingeschweißt.

Die Ahland Gruppe, zu der ADL zählt, hat für den Versand von Magazinen bereits im vorigen Jahr sogenannte Biofolie eingeführt. Das neue Angebot habe sich durch die Nachfrage und den Bedarf einiger Stammkunden ergeben, erzählt Betriebsleiter Uwe Wirtz. Mittlerweile überlegen demnach auch große Verlage mit hohen Magazinauflagen, ihre Printprodukte mit biologisch abbaubarer Versandfolie zu versehen, erfährt man bei der Ahland Gruppe.

Allerdings ist der Preis im Vergleich mit konventioneller Folie noch wesentlich höher. Die Biofolie ist zudem nicht lange lagerfähig, denn sie verändert im Laufe der Lagerzeit ihre Struktur und kann nach etwa einem halben Jahr Lagerung nicht mehr maschinell verarbeitet werden. Deshalb wird die Folie erst eingekauft, wenn der Auftrag erteilt ist.

Plastikprodukte sollen bis 2021 aus europäischen Supermärkten verschwinden

Bei aller Verteufelung darf nicht vergessen werden, dass Plastik durchaus seine Daseinsberechtigung hat, teilweise notwendig ist und sich nicht umsonst industriell durchgesetzt hat. Leicht, dicht und günstig in der Herstellung sind die meisten Kunststoffe, die gut gegen Elektrizität und Wärme isolieren sowie widerstandsfähig gegen Nässe und Säuren sind.

Noch vor drei Jahren, also bevor der internationale Trend zur Müllvermeidung einsetzte, nahm der weltweite Plastikmüll im Vergleich zum Vorjahr sogar um zwei Millionen Tonnen zu. Auch deshalb beschloss das Europaparlament im Oktober 2018, dass zahlreiche Plastikprodukte wie Strohhalme, Wattestäbchen, Einweggeschirr und dünne Tüten in der Europäischen Union bis 2021 aus den Supermärkten verschwinden sollen.

Weil Biokunststoffe vor allem wegen ihres Kohlenstoffdioxid- und Wasserverbrauchs bei der Herstellung derzeit noch als ähnlich umweltschädlich wie Plastik gelten, setzen Start-ups wie Bio-Lutions komplett auf erneuerbare Rohstoffe. Und zwar im Sinne der Nachhaltigkeit überall dort, wo es wirklich sinnvoll ist. Und wo sich Konsumenten Verpackungen wünschen. Lebensmittel und Produkte vor Verschmutzung zu schützen, damit sie für den Verkauf frisch und ansehnlich bleiben, ist für sie nach wie vor die Kernaufgabe, zeigte die Umfrage vor dem Verpackungskongress.

Und während kompostierbare Pflanzen nur ein Jahr benötigen, um sich zu erneuern, dauert es etwa 450 Jahre, bis eine Plastiktüte verrottet — in Deutschland werden, selbst seitdem sie etwas kosten, noch mehr als zwei Milliarden jährlich verbraucht, in durchschnittlich 25 Minuten.

Fazit: Weltweit gibt es einen Trend zu mehr Nachhaltigkeit, wobei die Produzenten von Verpackungen innovative Alternativen vor allem zum nur unzureichend wiederverwertbaren Plastik suchen. Vor allem Start-ups setzen auf biologische, erneuerbare Ressourcen. Allerdings sind die Alternativen bislang teurer in der Gewinnung — setzen aber auf einen umweltbewussteren Konsum, der sich auf lange Sicht lohnen wird.

 

Dirk Alten

02831 396-132

dirk.alten@schaffrath.de

 

Text: John Hennig
Foto: Bio-Lutions

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