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Personalisieren mit Schreibschriften und Kalligraphie

Mit der Digitalisierung ändert sich auch unser Anspruch an persönliche Ansprache. Die soll auf der einen Seite uns immer individueller erreichen, wird aber auch technischer. Handschrift ist emotionaler und wertiger. Denn so entstehen Unikate. Modewelt und Diplomatie wissen schon lange um die verführerische Wirkung von Gedrucktem und
Handgeschriebenen.

Schreiben mit der Hand. Eine persönliche Botschaft schriftlich übermitteln und das dynamisch geschrieben, kommt immer mehr aus der Mode. Dabei sind die meisten Menschen positiv berührt, wenn Sie einen handgeschriebenen Brief oder eine Karte bekommen. Der Deutsche Lehrerverband hat im April 2015 mit dem Schreibmotorik Institut Heroldsberg in einer Onlineumfrage unter 2.000 Lehrern herausgefunden, dass immer weniger Schülerinnen und Schüler flüssig schreiben können. An weiterführenden Schulen hatten 60 Prozent der Schüler körperliche Probleme damit, mehr als eine halbe Stunde lang mit der Hand zu schreiben.

Handschrift ändert sich

Lehrer beklagen, dass die motorischen Fähigkeiten fehlten. Schüler entwickelten heute selten eine ausgeprägte eigene Handschrift, sie verbinden Druckbuchstaben schnörkellos. Experten gehen davon aus, dass dies auch mit den geänderten Lernmethoden in der Grundschule zusammenhängt. Übten Kinder früher zuerst das Schreiben und dann das Lesen, so geschieht dies heute gleichzeitig. So kommen Kinder heute zunächst viel stärker mit Druckbuchstaben in Verbindung. In Finnland, das immer sehr gut in den PISA-Studien abschneidet, ist die Schreibschrift abgeschafft worden. Allerdings gibt es auch Erkenntnisse, dass mit der Hand schreiben die kognitiven Fähigkeiten des Menschen verbessert.  Die französischen Kognitionswissenschaftler Jean-Luc Velay und Marieke Longcamp stellten fest, dass Kinder die mit der Hand schreiben, schneller und besser lesen als Kinder, die mittels einer Tastatur schreiben lernen. Man hat herausgefunden, dass beim Schreiben und Lesen ein und dieselbe Hirnregion aktiv ist. Man sollte tunlichst den Fehler vermeiden eines von beiden zu verteufeln. Wie in vielen anderen Dingen auch, der Mix macht es.  Die Verbindungen der Buchstaben zu Worten, wie es die lateinische Ausgangsschrift oder vereinfachte Ausgangsschrift vorsieht, verkümmert, wenn Handschrift mit Druckbuchstaben geschrieben wird. Damit geht ein Grundverständnis der Formensprache unserer Schrift verloren, das sich kaum mehr jemand bewusst vor Augen hält: Vom Buchstaben zum Wortbild, vom Wortbild zur Zeile und von der Zeile zum Zeilenverbund.

Handgeschriebenes ist emotional

Das Interessante ist, dass Menschen aber von einer schönen Handschrift oder Kalligraphie auch heute noch begeistert sind. Unter Kalligraphie-Kurs finden sich über 50.000 Einträge in einer Suchmaschine. Es gibt „Handlettering“-Kurse oder fernöstliche Kalligraphie mittlerweile an jeder Volkshochschule. Da werden Buchstaben mit Zahnbürste gebrusht oder der Bandzugfeder verschnörkelt. Auch im diplomatischen Dienst ist die Kalligraphie Ausdruck gegenseitigen Respekts und Wertschätzung. Tischkarten oder Menufolgen werden von Hand geschrieben.

Eine der wichtigsten Schriften in der Diplomatie ist bis heute die Englische Schreibschrift, die Kanzleischrift des Klassizismus, geblieben. Ob im Weißen Haus, im Buckingham Palace oder beim Staatsbankett auf Schloss Augustusburg, ist die englische Schreibschrift erste Wahl. Sie lässt diplomatische Formulierungen wie „Ihre Exzellenz“ oder „Seine Eminenz“ besonders edel zur Geltung kommen. „Seine Eminenz“ verwendet man übrigens für Bischöfe oder Kardinäle, während „Ihre Magnifizenz“ die Rektorin einer Universität genannt würde. Ausländische Staatsgäste aus traditionellen Ländern, in denen Kalligraphie hoch geschätzt wird, wie etwa aus Japan, unterschreiben Gästebücher mit Pinsel und Tusche, die sie immer mit sich führen.

Immer mehr Unternehmen entdecken das personalisierte Anschreiben für sich wieder, nachdem man jahrelang Kouvertaufkleber aus Excel-Listen mit dem Laserdrucker produziert hat. Ist es ein wichtiger Anlass für das Unternehmen oder will man hochrangige oder vermögende Zielgruppen erreichen, werden tausende Briefumschläge von Hand in Schönschrift veredelt. Namen werden mit Füller in Einladungen geschrieben. Dann steht die verbunden geschriebene Schrift wieder hoch im Kurs. Auch in der Modebranche ist die handgeschriebene Einladung wieder en vogue. In Zeiten von Save the date aus der Internetdruckerei, SMS, Mail oder Whats App emotionalisiert die Handschrift auf edlem und gut bedrucktem Papier. Dabei ist eine Kombination aus Druck und handgeschriebenem Akzent besonders reizvoll.

Handwriting Fonts

Die Renaissance der Handschrift bedeutet nicht, sie mit altmodisch und angestaubt gleichzusetzen. Moderne Typen und Schriftbilder können entwickelt werden und machen manche langweilig gestaltete Karte erst so richtig hip. Auch die Musik nutzt das Sujet der Handschrift. Lou Reed ließ bei seinem Album „Set the Twilight Reelink“ sein Gesicht beschreiben. Die Schrift war nicht aus dem Computer, sondern Handschrift. Dabei erleben die so genannten Handwriting Fonts eine Renaissance. Große Schriftenlieferanten wie Fontshop widmen ihnen regelmässig ganze Kataloge. Neben den käuflichen Fonts tummeln sich gerade im Bereich der vermeintlich handgeschriebenen Fonts hunderte kostenlose Angebote im Netz.

Dabei kann man echte Handschrift immer vom Klon aus dem Rechner unterscheiden. Denn bei echter Handarbeit changiert die Tinte, die nie zu 100 Prozent gleichen Auftrag erreicht. Mal schimmert das Papier durch, dann steht sie wieder fett auf dem Papier. Das merkt auch der Laie schnell. Wer also einen Liebesbrief mit einem handwriting font setzt, der wird schnell enttarnt. Denn nur dann wird das Werk zum Unikat, also einzigartig, wenn es von einem Menschen einmal so hergestellt wurde, dass es nicht reproduzierbar ist. Dabei reicht es eben oft aus, nur einen Akzent zu setzen.

Bei der Schrift ist Europa seit dem Jahr um 800 n. Chr. einig

Die Schrift, die wir heute noch, auch in Apps oder Responsive nutzen, begann im alten Rom an Sarkophagen oder Säulen als Römische Kapitale. Das sind unsere Großbuchstaben. Im Original kann man in Stein geschlagene Capitalis Monumentalis etwa in Köln im Römisch-Germanischen Museum oder Prätorium bewundern. Sie ist das Fundament unserer gesamten Schriftentwicklung und gibt unserer Schrift bis heute ihren Namen: Lateinische Ausgangsschrift. Rom spielt auch im zweiten großen Kapitel der europäischen Schrift eine nicht unerhebliche Rolle. Karl der Große wurde 800 zum Kaiser in Rom gekrönt. In dieser Zeit wurde die Karlingische Minuskel entwickelt. An seinem Hofe durch Alkuin aus Irland, Berater des Kaisers und Leiter der Kanzlei. Es sind die Kleinbuchstaben unserer Schrift. Damit hatte Europa schon im 8. Jahrhundert eine einheitliche Schrift, und die grundlegende Formensprache war damit abgeschlossen. Alle Schriftenfamilien, seien es Klassiker wie Helvetica oder Times, um die bekanntesten zu nennen, sind lediglich modische Ausprägungen.

Warum wurden die Kleinbuchstaben entwickelt? Die Menschen wollten schneller schreiben und lesen. Denn Texte mit reinen Großbuchstaben, noch dazu geschrieben ohne Wortzwischenräume, sind ein mühsames Lesevergnügen. Im Formenkanon zwischen Groß- und Kleinbuchstaben veränderte sich der Aufbau der Buchstaben. Bei den Großbuchstaben dominieren Rechteck- und Diagonalformen. Kleinbuchstaben sind stärker bestimmt durch Rundungen. Großbuchstaben entwickeln ihre Formensprache aus ihrer individuellen Form, während Kleinbuchstaben ihre Qualität im Verbund des Wortes stärker ausspielen. Geschriebene Handschriften, werden im Gegensatz zu Druckschriften immer in einem bestimmten Neigungswinkel geschrieben. Das war auch bei den Römern schon so. Die schrieben die Capitalis Rustica auf ihren Wachstafeln schon leicht geneigt. Mit der humanistischen Kursive, der Cancellaresca, wurde an den Höfen und dem Vatikan im 15. und 16. Jahrhundert geschrieben. Im 17. und 18. Jahrhundert, der Zeit des Klassizisimus, wurde die englische Schreibschrift Kanzlei- und Urkundenschrift. Diese Entwicklung wurde auch bestimmt durch die neue Drucktechnik des Kupferstiches, der den starken Unterschied zwischen feinen und kräftigeren Linien ermöglichte.

 

Dieser ist oftmals weder besonders teuer, noch, auch bei höheren Auflagen, unmöglich. Nur in der Produktion muss man sich darauf ein- und abstimmen. So sind nicht alle Papiere geeignet beschrieben zu werden. Das Löschpapier wäre hier sicher der extremste Fall, aber saugende Papiere neigen dazu, kein scharfes handgeschriebenes Schriftbild zu hinterlassen. Der Schönschreiber sollte also das Papier zunächst einmal testen, bevor es bestellt und mit anderen Botschaften bedruckt wird. Und der Produktioner muss ein wenig mehr Zeit einplanen. Für den handschriftlichen Eintrag, genauso, wie für die Logistik.

Unikate werden von Menschen in Handarbeit gefertigt. Meist meinen wir damit Werke der Kunst. Wir setzen eine gewisse Gestaltungshöhe voraus. Aber auch in der industriellen Produktion gibt es den Unikatsbegriff. Dieser wird verwendet, wenn etwa Geräte Seriennummern erhalten. Im Webdesign finden sich technische Unikate etwa im Bereich Newsletter, wenn deren Ansprache personalisiert wird. Handschriften finden dort im Design eher selten Anwendung, weil die Inhalte in der Masse noch auf Geräten dargestellt werden, die Handschrift nicht vorsehen. Dies kann sich allerdings mit der neuen Gerätegeneration an Tablets ändern, von denen einige einen Stift für das digitalsieren der Handschrift anbieten.

Liebesbriefe über WhatsApp oder fertige Mustervorlagen

Natürlich kann man heute jemandem seine Liebe auch über WhatsApp bezeugen, oder ganz einfach Schluss machen. Aber ein echter Brief hat doch noch einmal einen anderen Wert. Kann ein Liebesschwur via Snapchat, der nach 10 Sekunden wieder gelöscht wird, Bestand haben? Es geht dabei nicht nur um die äußere Form, sondern um den Inhalt. Im Netz gibt es mittlerweile für viele Themen Inhalte zum Download für das Verfassen von Briefen und Nachrichten.

Die Deutsche Post tut sich hier hervor. Lebenshilfe in Fragen, wie man eine Kündigung oder einen Beschwerdebrief formuliert, gibt es auf deren Online-Seiten. Und das alles mit einem oder zwei Mausklicks. Vorgefertigte Formulierungen für Kündigungen bietet die Post bei Clubmitgliedschaft, Mieterverein oder Zeitschriftenabo, allerdings immer mit Happy End. Dort heißt es dann „Ich habe mich im Club immer sehr wohl gefühlt und dort viele schöne Stunden verbracht. Dafür möchte ich mich bei allen herzlich bedanken.“ Auch Vorlagen für Beschwerden, wie Telefonrechnungen, Wohngeld, Wohnungskündigung oder Einkommensbescheid finden sich.

In E-Mails wird mehr gelogen

Jemandem direkt ins Gesicht zu lügen – dazu gehört schon eine ordentliche Portion Frechheit. Eine Lüge in einem Brief zu schreiben, geht schon eher. Doch erst recht bei E-Mails fallen offenbar die Hemmungen. In einem Test sollten Personen Geld teilen – und einem Partner die Summe per Mail oder per Brief mitteilen. Bei den Personen die eine E-Mail schrieben, gaben 92 Prozent eine geringere Summe an und behielten mehr für sich. Bei den Briefeschreibern waren dies lediglich 67 Prozent, so eine US-Studie.

Ein Fazit kann lauten, je persönlicher ein Personenkreis angesprochen wird, etwa bei einer Einladung zu einer wichtigen Veranstaltung, umso mehr sollte man über eine persönliche Ansprache nachdenken, die im Luxus des Unikates, also des Handgeschriebenen, gipfelt. Wie man aber auch bei Massendrucksachen personalisieren kann, zeigt das Beispiel des selektiven Beilegens auf den nächsten Seiten. Die aktuelle KNOW!S 4-2015 wurde mit Kalligraphie zu einem Unikat.

 

Marion Pape
0 28 31.925-552
pape@schaffrath-digital.de

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