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Wandel weltweit

13 Länder in 13 Wochen — mit diesem Plan hat sich der Politikwissenschaftler Georg Milde ins Abenteuer gestürzt und ist um die Welt gereist. Im Gepäck hatte er Fragen: Wie sieht Wandel weltweit aus? Was beschleunigt ihn? Und wie gehen verschiedene Kulturen damit um? Wir haben den Autor um Antworten gebeten.

Der Politikwissenschaftler Georg Milde ist nach Stationen im Bundeskanzleramt und im Bundesverkehrsministerium Herausgeber des 2002 gegründeten Fachmagazins

politik&kommunikation.

 

Sie arbeiten normalerweise als Politikwissenschaftler in Berlin. Was hat Sie dazu bewogen, sich in den Flieger zu setzen und weltweit zum Thema „Wandel“ zu recherchieren?

In meinem Berufsalltag treffe ich sehr unterschiedliche Menschen, und in vielen Gesprächen zeigt sich immer wieder dieses Grundgefühl: Wir befinden uns inmitten einer Drift, wie es der Philosoph Peter Sloterdijk einmal beschrieben hat. Veränderungen und Innovationen hat es immer schon gegeben, vom Feuerstein über den Buchdruck bis zum Flugzeug. Doch nun erleben wir einen Wandel, der so fundamental ist, dass wir uns unser Leben in 20 Jahren mit neuen Kommunikationsformen und künstlicher Intelligenz nur sehr begrenzt vorstellen können. Daher wollte ich Woche für Woche in einem neuen Land nach Spuren der Veränderung suchen, um anhand dieser Mosaikstücke ein Bild von unserer Zukunft erahnen zu können.

Sie haben in 13 Wochen 13 Länder bereist. Wie haben Sie Ihre Ziele ausgesucht?

Wer den Wandel erleben will, muss flexibel sein. Meine einzigen Festlegungen waren ein Flugticket nach São Paulo und der Plan, möglichst große Städte auf der ganzen Welt zu besuchen. Die Route entwickelte sich erst unterwegs durch die Ratschläge vieler Gesprächspartner auf dem jeweiligen Kontinent. So kam es zu Stationen, die nicht auf meine Ursprungsliste gelangt wären, hätte ich eine solche formuliert, die aber umso mehr zu wichtigen Schauplätzen meiner Recherche wurden. Neben Südkorea war auch Ruanda eine solche Station. Unternehmen wie Volkswagen investieren massiv in dieses kleine afrikanische Land, das nach dem Völkermord vor 25 Jahren am Boden lag und nun die neue Stabilität und den digitalen Fortschritt für den wirtschaftlichen Aufstieg nutzt — leider zu einem hohen Preis für die persönliche Freiheit der Menschen.

In Europa denken wir bei Wandel ja vor allem an Digitalisierung, demografischen Wandel und Klimawandel. Welchen Trends sind Sie auf Ihren Reisen begegnet?

Zunächst den Folgen der Digitalisierung. Am meisten beschäftigt haben mich die Veränderungen in der Lebensführung des Einzelnen: Wie trifft der zunehmend gläserne Mensch Entscheidungen, woher bezieht er sein Wissen dafür und welcher Algorithmus nimmt ihm künftig welche Entscheidung ab? Dahinter stehen aber größere Themen, die das Zusammenleben der jeweiligen Gesellschaft verändern. Etwa sich verdichtende Informationsblasen der zunehmend unter Gleichgesinnten kommunizierenden Nutzer, aber auch eine politische Polarisierung mit neuen Anführertypen und mehr offen ausgetragenem Streit. Dieser zeigt sich beispielsweise in den USA besonders durch Hate Speech und Fake News in den sozialen Medien. In Indien kommen immer häufiger Lynchmobs vor, oft ausgelöst durch frei erfundene Gerüchte, die per WhatsApp verbreitet werden. Ich habe Angehörige von Minderheiten getroffen, die Angst um ihr Leben hatten — oft auch wegen ihres Glaubens. Andererseits habe ich viele Menschen erlebt, deren wachsender Glaube wie eine enorme Energiequelle für ihr Handeln wirkte — ganz anders als bei uns in Europa. Und dann ist da noch die Generation der 20-Jährigen. Die sogenannten Millennials werden von Älteren häufig als oberflächlich und ohne Ausdauer skizziert, auch ich hatte diese Generation unterschätzt. Sie sind aber aktiver und reflektierter als viele denken. Das macht Mut!

Gehen die Menschen, denen Sie begegnet sind, anders mit Veränderung um als wir in Deutschland?

Definitiv ja, und das hat mir nach meiner Rückkehr sehr zu denken gegeben. Deutschland und Japan sind die Musterbeispiele für jahrzehntelanges hohes Niveau von Wirtschaftskraft und Wohlstand, das irgendwann in Richtung Stagnation zu steuern begann. Verlangsamung beginnt in den Köpfen — durch Selbstzufriedenheit und weniger Hunger nach Weiterentwicklung. Eine andere Mentalität herrscht in Ländern wie Südkorea und erst recht in China, wo Technologieunternehmen derzeit zum Überholen mancher bisher führender Konkurrenz aus den USA und Europa ansetzen. In Ländern mit größeren Problemen wie Gewalt oder gar weit verbreiteter Armut jammern die Menschen weniger als hier. Stattdessen erlebte ich immer wieder eine Mentalität nach dem Motto „Ich habe keine Chance, aber ich nutze sie“: Eine Frau im Libanon, der eine Autobombe den halben Körper weggesprengt hat, will sich nun erst recht politisch engagieren, Slumbewohner in Kenia betreiben inmitten von Fäkalwasser und Krankheiten eine Jugendbibliothek.

Treffen Transformationsprozesse alle gleich stark oder sind manche Bevölkerungsgruppen Veränderungen stärker ausgesetzt?

Derzeit wird viel über Berufsgruppen gesprochen, in denen Stellen durch künstliche Intelligenz ersetzt werden, von Bankangestellten bis zu Zahntechnikern. Dennoch ist mir das Wort „ausgesetzt“ zu passiv und negativ. Aufsteiger in die neuen Mittelschichten vieler Länder haben Chancen und Zugänge, die ihren Vorfahren verwehrt blieben. Das sind Hunderte Millionen Menschen! Was mich umso mehr überrascht hat: Vielfach bremst ein wenig Erfolg samt Konsumzugang sehr schnell jeden Veränderungswillen. Etwa bei Favelabewohnern in Brasilien, die sich in ihrem Wellblechhaus erstmals einen Flachbildfernseher leisten können und sich ab dann nur noch von Telenovelas berieseln lassen, statt ihren Kindern eine bessere Bildung zu ermöglichen. Auf verschiedenen Kontinenten erlebte ich in die Mittelschicht Aufgestiegene, die zu Besitzstandswahrern werden und weitere Reformen verhindern, da sie das Erreichte nicht wieder aufs Spiel setzen wollen.

Hat die Reise Sie persönlich verändert?

Ja! Kurz nach meiner Rückkehr war da ein Anflug von Resignation angesichts mancher unverhinderbarer Entwicklungen weltweit. Aber beim Verfassen des Buches wurde mir anhand der mehr als hundert Beispiele klar: Auch wenn wir viele Prozesse so gut wie nicht mehr beeinflussen können, gibt es keinen Anlass, den Kopf in den Sand zu stecken. Im Job und auch im privaten Alltag können wir mehr aktiv bewirken, als wir zumeist denken. Stimmen wir jeden AGB der Internetkonzerne zu? Setzen wir unsere Kinder stundenlang vor ein Tablet, damit sie bequem leise sind? Wählen wir in einigen Jahren Parteien, die den flächendeckenden Einsatz von Gesichtserkennungskameras fordern? Wer inmitten von Wandel lebt, muss hellwach sein, um der Dauerberieselung etwas entgegenzusetzen.

In Transformationsgewittern
von Georg Milde
B&S Siebenhaar Verlag
544 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-943132-77-9
Preis: 25,00 Euro
www.siebenhaar-verlag.de/buch/in-transformationgewittern

Interview: Marten Hahn
Fotos: Jana Legler (Porträt), Siebenhaar Verlag (Buchcover)

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