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Mein Kollege, der Roboter

Seit 60 Jahren arbeiten Forscher an denkenden Maschinen. Doch erst heute scheint es entscheidende Durchbrüche zu geben. Der Hype und die Erwartungen sind groß, aber auch die Ängste. Wie verändern Roboter unsere Arbeitsplätze und unser berufliches Leben? Werden die Maschinen uns arbeitslos oder unser Leben leichter machen? Oder beides? Wir haben die Experten des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Bremen besucht und gefragt.

Ein lichtdurchfluteter Mondkrater im Bremer Universitätsviertel. Gesteinsbrocken werfen tiefe Schatten. Am Boden des Kraters bewegt sich etwas. Langsam, aber stetig setzt das Wesen ein Bein vors andere. Ein Affe? Nein, eine Maschine. Ein Roboter-Schimpanse. Hier wird aber kein Science-Fiction-Film gedreht. Hier – im Weltraumlabor – werden Roboter trainiert.

„Charlie kann sich auch auf die Hinterbeine stellen“, sagt José de Gea Fernández. „Außerdem wurden etliche Sensoren und Rechenkapazitäten in den Gliedmaßen verbaut. So erhält er lokale Intelligenz, kann schnell Hindernisse erkennen und darauf reagieren.“ Roboter wie Charlie sollen irgendwann selbstständig die zerklüfteten Landschaften des Mars erkunden.

De Gea ist Leiter des Teams „Roboterregelung“ am Robotics Innovation Center (RIC). Das RIC ist der Bremer Standort des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) und arbeitet eng mit der Universität Bremen zusammen. Mehr als 130 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt sowie 80 studentische Hilfskräfte erforschen und bauen hier in Norddeutschland intelligente Maschinen, die zu Wasser, zu Lande und in der Luft eingesetzt werden können. Informatiker, Elektrotechniker und Mathematiker arbeiten dafür Hand in Hand mit Biologen, Computerlinguisten, Physikern und Psychologen. Für die Entwicklung von Charlie hat eine Biologin detailliert die Bewegungsabläufe von Schimpansen studiert.

Seit den Anfängen des RIC in Bremen im Jahr 2002 haben sich die Wissenschaftler von der Natur inspirieren lassen. De Gea kommt aus Barcelona und hat dort Elektrotechnik studiert. Dass der heute 41-Jährige 2003 in Bremen anheuerte, liegt unter anderem am „Skorpion“. „Professor Frank Kirchner zeigte mir den achtbeinigen Roboter, an dem er damals arbeitete, und ich war so begeistert, dass ich in Bremen arbeiten wollte.“ Noch heute steht der Achtbeiner im Foyer des Haupthauses.

Kirchner leitet das RIC. Der 54-Jährige kam nach einem Forschungsaufenthalt in den USA 2002 nach Deutschland zurück und begann, die Robotik in Bremen aufzubauen. Seitdem ist viel passiert. Der Hype ist groß. Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik ist heute ein Thema mit enormer Strahlkraft. Viele Konzerne nutzen die Technologien bereits oder sind interessiert. „Gestern Abend hab ich einen Vortrag vor der gesammelten Führung des deutschen Holzindustrieverbands gehalten“, sagt Kirchner. „Dort denkt man bereits drüber nach, wie man Roboter nachhaltig in der Forstwirtschaft einsetzen könnte.“

Künstliche Intelligenz (KI)

Der Begriff beschreibt ein Teilgebiet der Informatik. KI ist jedoch kein geschlossenes Forschungsgebiet, sondern vereint Techniken verschiedener Disziplinen. KI-Forscher versuchen, menschenähnliche Intelligenz mithilfe von Algorithmen nachzubilden. Entsprechend konstruierte Computer und Roboter sollen so in der Lage sein, eigenständig Probleme und Aufgaben zu lösen. KI-Systeme sind lernfähig und können mithilfe von Datensätzen trainiert werden. Von menschenähnlichem Denken sind jedoch auch die stärksten KIs heute noch weit entfernt.

 

Auch in der Druckindustrie sind Roboter mittlerweile Alltag. Bei Schaffrath in Geldern sind seit den 90ern zwei verschiedene Roboter im Einsatz: sogenannte Palettierer und Depalettierer. Einer verfrachtet Printprodukte von einem Stapel auf Paletten. Ein anderer erkennt in Zeitschriftenstapeln für Individualisierung bestimmte Hefte und fischt sie selbstständig heraus. Roboter wie die in Geldern müssen aus Sicherheitsgründen in Käfigen arbeiten. Doch das dürfte bald der Vergangenheit angehören. De Gea und seine Kollegen arbeiten gemeinsam mit Volkswagen an Industrierobotern, die sensibel genug sind, um sich den Arbeitsplatz mit Menschen zu teilen. Die Forscher sprechen von „intelligenter Mensch-Roboter-Kollaboration“. Das Pilotmodell ist eine Werkbank mit zwei Roboterarmen. Die Maschine kann mit Gesten gesteuert werden und reagiert auf menschliche Nähe. Die Greifarme bewegen sich dann ganz behutsam, wie scheue Tentakel. So sollen Unfälle vermieden werden.

De Gea glaubt, es werde in Zukunft zunächst vor allem hybride Lösungen geben. Menschen und Roboter werden zusammenarbeiten und sich ergänzen. „Roboter werden nie müde, sind schneller und genauer. Menschen sind dafür flexibler, besonders in unvorhergesehenen Situationen.“

De Gea und Kirchner wissen: Es ist nicht das erste Mal, dass ihrem Fachgebiet so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Algorithmen, die KIs und Robotern Leben einhauchen, sind im Prinzip seit Mitte des 20. Jahrhunderts bekannt. Nach einem Hype in den 80ern folgte aber das, was Kirchner einen KI-Winter nennt. Das Interesse ließ nach, viele waren enttäuscht.

„Die Erwartungen waren zu groß“, sagt Kirchner. „Das lag auch an uns Wissenschaftlern. Wir wussten und verkündeten, was theoretisch möglich war. Die praktischen Wünsche, die dann aufkamen, ließen sich aber nicht erfüllen.“ Es fehlte an Rechenpower. Die ersten PCs, die gerade auf den Markt kamen, waren nicht in der Lage, die mächtigen Algorithmen auszuführen. Computer, die das konnten, füllten noch ganze Büros.

Heute ist das anders. „In jedem Smartphone, in jedem Tablet stecken Chips, die so leistungsfähig sind, dass sie komplexe Algorithmen verarbeiten können.“ Der technologische Fortschritt bringt jedoch andere Gefahren für den Fachbereich mit sich: „Der Hype befördert Visionen, die sind so übertrieben, dass eine gesellschaftliche Ablehnung dieser Technologie eintritt.“

Machen uns die Roboter bald arbeitslos? Kann uns künstliche Intelligenz vielleicht sogar gefährlich werden? Fragen wie diese treiben nicht nur Normalbürger um. Der Astrophysiker Stephen Hawking und der Internet-Milliardär und Unternehmer Elon Musk haben öffentlich vor einem KI-Wettrüsten und zu selbstständigen Maschinen gewarnt.

Roboter, die uns versklaven? Kirchner hält das für Quatsch. Um den Menschen die Angst zu nehmen, plädiert er dafür, als Wissenschaftler transparent zu sein. „Wir müssen klarstellen, was wirklich existiert und was nicht. Was Science-Fiction ist und was Realität.“ Dass smarte Maschinen in Zukunft Aufgaben übernehmen werden, die bisher Menschen erledigen, ist unvermeidbar. „Ich denke, die Menschen haben berechtigterweise Sorgen um eine Dynamik, die sich hier abspielt, die sie vielleicht nicht mithalten.“ Aber wie bei vielen gesellschaftlichen Problemen laute die Lösung des Problems auch hier: Bildung, sagt der Robotik-Experte.

„Wir brauchen eine bessere digitale Ausbildung in Schulen und Kindergärten. Darüber reden wir seit 20 Jahren. Es hat sich aber so gut wie nichts getan.“ Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssten geschult und weitergebildet werden. Nur so könne man den Menschen die Angst nehmen. Denn aufhalten lasse sich die Entwicklung nicht, sagt Kirchner.

De Gea sieht das ähnlich. Er steht nun vor einem weißen Raum unter dem Mondkrater. Hier wurde ein Stück der Internationalen Raumstation ISS nachgebaut. Hier übt AILA. Die Roboterdame steht auf Rädern und kann Aufgaben autonom ausführen oder per Exoskelett aus der Ferne gesteuert werden. Neun Monate hat de Gea für AILA gebraucht, von der Idee bis zur fertigen Maschine. „Das ist quasi mein Baby.“ Der Roboter geht aber bald in Rente. Der Katalane und seine Kollegen arbeiten bereits an einer neuen Version. Die wird nicht rollen, sondern auf zwei Beinen stehen. Alles andere ist noch geheim.

Text: Marten Hahn
Foto: Gerald von Foris

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