KNOW!S 02-2019

Foto: Marc Oliver Rühle Bei demWort Zukunft denkt man zwangsläufig an Veränderung, aber auch an die Angst davor. Zukunftsangst. Warum? Angst vor der Zukunft ist bei vielen ein reflexartiges Muster, denn Zukunft bedeutet zwangsläufig Verän- derung. Und die wollen viele einfach nicht. Sie ist unbequem. Fast alle Menschen neigen dazu, sich erst zu verändern, wenn ein akuter Anlass, ein Verände- rungsgrund eingetreten ist. Das sind oftmals Krankheit, Jobverlust, Beziehungsprobleme oder psychische Belastungen. Gesünder zu leben, kontinuierlich Sport zu treiben, sich weiterzubilden oder neue Techno­ logien anzunehmen: All das tun wir meistens nur im Notfall — und wenn es oftmals schon zu spät ist. Diese Lebenshaltung können wir uns absolut nicht mehr leisten. Neue Entwicklungen in Technik und Gesell- schaft fliegen über uns hinweg, ohne dass wir sie wirklich begreifen können. Das müssen wir ändern. Darin liegt die Aufgabe der Zukunftspsychologie. Sie propagieren seit Jahren, dass Zukunft trainierbar ist … Durch eine von uns erfundene Interviewtechnik, die sich ausnahmslos mit Fantasie, Imagination und mögli- chen Lebensereignissen beschäftigt, trainieren wir die Leute dazu, mit Überraschungen, Unvorhersehbarkeit und mit radikaler Veränderung umgehen zu lernen. Wenn man so will, hilft die Zukunftspsychologie, durch gedanklich gemachte Erfahrungen besser und schnel- ler in der Zukunft zu navigieren und entsprechende Entscheidungen präventiv zu treffen! Wie genau funktioniert das? Wir können unseren Kopf dazu nutzen, um mögliche Bedrohungen wie Freundschafts-, Arbeits- oder Part- nerverlust gedanklich durchzuspielen. Diese Übungen helfen uns, um auf Veränderungen zu reagieren — weil wir sie damit schon kennen. Ich bezeichne die Übungen als Probehandlungen. Nicht daran zu scheitern, heißt auch, pro-aktiv zu sein. Diese Lebenseinstellung wird in der Zukunft von immenser Bedeutung sein. Auf welche grundlegenden Herausforderungen sollten wir uns Ihrer Meinung nach gedanklich vorbereiten? Noch nie in der Geschichte der Menschheit war der Wandel so radikal wie heute. Über Jahrhunderte ahnten wir die Struktur unserer Biografie. Heute weiß eine Zehnjährige de facto nicht, wie sich ihr Leben entwickeln wird, und keiner kann ihr einen fundierten Ratschlag geben. Wir wissen gar nicht mehr, was alles geschehen kann: Bedroht der Roboter wirklich unseren Arbeitsplatz oder schafft er Freiräume für sinnvollere Tätigkeiten? Gibt es irgendwann ein Grundeinkommen oder werden wir für das Surfen im Internet bezahlt? Sind selbstfahrende oder fliegende Autos das Ende einer erfolgreichen Industrie oder der Anfang einer Periode, die uns nutzbare Zeit ohne Stau und Stress bescheren wird? Die Herausforderung, auf die wir uns wirklich vorbereiten müssen, ist die Tatsache, dass alles rasant anders wird. Wir wissen, Technologie wird einen enormen Einfluss auf unsere Arbeitswelt haben. Aber wird sich auch das menschliche Miteinander verändern? Da unsere Zukunft ohne Zweifel von der Technik und der Digitalisierung bestimmt wird, ist es unsere Auf- gabe, neue Plätze und Gelegenheiten für Gemeinschaft zu erschaffen. Vor allem, weil wir die öffentlichen Markt- plätze, die jahrtausendelang zu Begegnungen geführt haben, auf Plattformen verlegt haben. Kommunikation ohne Augenkontakt, ohne Berührung, ohne emotionale Resonanz des räumlichen Miteinanders kann uns nicht verzaubern. Menschen, die allein in virtuelle Welten auswandern, also nur vor Bildschirmen kleben, werden im klassischen Sinne weder glücklich sein, noch erregt werden. Unsere Emotionalität benötigt vielfältige Sinnesreizungen, um konkrete und verlässliche Erfah- rungen zu machen. Zum Beispiel lieben und geliebt werden? Die Liebe im physischen und psychischen Sinne wird auch in der Zukunft bleiben — solange sie sich auf der körperlichen Ebene vollzieht. Die Liebe in einem digitalen Sinne ist konkret nicht vorherzusagen. Es gibt natürlich Gedankenexperimente im Bereich der Science-Fiction! Erinnern wir uns an den Film Her mit Joaquin Phoenix, der uns ganz deutlich und PROF. DR. THOMAS DRUYEN ist Leiter des Institutes für Zukunftspsy- chologie und Zukunftsmanagement sowie des Institutes für vergleichende Vermögenskultur und Vermögens­ psychologie an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien 9 KNOW ! S  02/2019 »DIE ZUKUNFT FÄNGT GERADE ERST RICHTIG AN«

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