Die ganz große Bühne einer gehypten Konferenz. Ein junger, trendig gekleideter gefragter Speaker, von dem ich noch nie gehört habe, atmet laut in sein Headset. Sein Anglizismen-Stakkato nervt mich und sein abgeklärtes Selbstbewusstsein mit Anfang 30 irritiert. Für ihn ist klar, dass ein »disruptiver Change des Business Models« alternativlos für so ziemlich jedes Unternehmen wäre. »Start up or go down!«

Natürlich hat er ein Berliner Start-up gegründet, vielleicht sogar mehrere. Kleine, schnelle, super- effiziente Unternehmen, die kühl kalkulieren und schlecht bezahlen. Die eine ständige Hoffnung auf den großen Aufstieg oder einen lukrativen Exit verbreiten. Klar, da weiß er natürlich wovon er spricht. Je länger ich ihm zuhöre, desto skeptischer werde ich. Ich habe den Eindruck, dass ihm alles, was sich nicht radikal verändert oder sowieso völlig neu erfunden wird, geradezu suspekt ist. Ist das so?

Ob er wohl schon mal bei einem guten, deutschen Mittelständler zu Besuch war? Bei einem, der gegenüber seinem wendigen Start-up eher wie ein großer, behäbiger Tanker wirkt, den man nicht so leicht wenden kann. Aber der seine vielen Matrosen auch schon ziemlich lange mit Arbeitsplätzen versorgt und konstant eine gute Leistung bringt. Der nicht so schnell vom Kurs abkommt, auch wenn die Wellen mal etwas höher schlagen. Kurz: Der sich wenig verändert und trotzdem Erfolg hat. Kennt er solche Unternehmen von innen?

Ich frage mich: Muss man denn immer alles neu und anders machen? Natürlich, das Leben ist dynamisch, Dinge verändern sich, ganz von selbst. Und wir müssen uns immer wieder anpassen, lernfähig bleiben. Manches, was schon länger Bestand hatte, erscheint uns vielleicht mit der Zeit nicht mehr stimmig. Klar. Oder eine unvorhergesehene Krise fordert uns alle bis an die Grenzen heraus, wie wir es in den letzten Monaten mit dem sogenannten Coronavirus erlebt haben. Da muss natürlich schnell reagiert werden.

Trotzdem kommt mir die verbreitete und ständige Forderung nach Disruption und Neuanfang manchmal vor wie ein hektisches Hin und Her, dem es an Substanz, Sinn- und Zielorientierung fehlt. Ich glaube was wir wirklich brauchen, gerade in der Krise, sind Mut und Offenheit im Denken. Als Unternehmer, als Mitarbeiterin. Mut für angemessene Schritte, um gemeinsam Gutes zu schaffen. Offenheit füreinander. Raum und Zeit für organisches Wachstum und für Beziehung. Das allerdings sind unternehmerische Werte, die so alt sind wie die Menschheit. Das ist einfach menschlich.

Dirk Alten